11 August 2008

 

Es geht uns gut


Nachdem eine Kollegin sagte, dass sie sich freut, mich zu sehen, weil das Blog so abrupt beendet wurde, dass sie innerlich uns dort vor dem Schalter bei der Botschaft in Kyjiw immer noch stehen bleiben sah, dachte ich, dass wir noch ein bisschen schreiben sollen.


Uns geht es gut. Gleich sind zehn Monate um, seitdem Aljoscha bei uns ist. Er ist ein liebes, freundliches Kind das auch uns zeigt, dass er sich bei uns wohl fühlt.

Er hat schon ganz viel nachgeholt und obwohl eine Entwicklungsverzögerung ist immer noch da und wird lange bleiben, geht alles in die richtige Richtung.

Aljoscha spricht zwei Sprachen, Polnisch und Deutsch, obwohl natürlich beides noch auf dem Niveau von einem jüngeren Kind, und hat sehr gutes musikalisches Gehör.

Die ganze Zeit läuft er herum, eigentlich immer noch kann er entweder sitzen oder laufen, die Bewegungsart "gehen" ist ihm eher unbekannt ;-).

Seine Lieblingsbeschäftigung ist Spielen - vor allem mit Autos und Werkzeug, aber auch Rollenspiele, wobei er seine Erlebnisse nachspielt. Er liebt es auch, sich Bücher anzuschauen und natürlich vorgelesen zu haben. Er hört auch gerne Musik und Kindergedichte und mag es auch, Gesellschaftsspiele zu spielen. Nur mit Malen und Bauen kann er nicht wirklich viel anfangen.

Vor zwei Wochen ist er geimpft worden und nachdem er später eine Folge der Serie "Es war einmal das Leben" gesehen hat, die über Impfungen erzählt, ist er eine gute Bakterie, die alle bösen Bakterien erledigt.

Generell ist er immer entweder eine Katze oder ein Pferd oder eine kleine Kuh oder ein lieber Wolf (im Gegensatz zu dem bösen Wolf von der Rotkäppchengeschichte). Häufig ist er eine gute Bakterie oder der Jäger vom Rotkäppchen. Einfach Aljoscha ist er ganz selten...

Seit einer Woche ist er auch ein Kindergartenkind. Er geht zur Zeit nur halbtags, zwischen 8.30 und 12.30. Im KiGa hat er einen Integrationsplatz, da er wegen seiner Verzögerung immer noch Hilfe braucht, vor allem wenn er emotionell überfordert ist.

Während der Monate zu Hause hatten wir auch schlechtere Zeiten, da es für Aljoscha ziemlich schwierig war zu begreifen, was eine Familie ist und dass Mama und Papa nicht nur zum Spielen da sind, sondern auch ab und zu NEIN sagen müssen und dass so ein Nein auch wirklich Nein bedeutet. Vor allem hatte er Probleme mich als Mutter anzuerkennen und ein paar Wochen versuchte er einfach, mich zu ignorieren oder beleidigen, wenn ich etwas von ihm wollte. Es war schon ganz schwierig für mich, aber jetzt ist es besser und hoffentlich bleibt auch so.

Aljoscha ist psychologisch noch viel jünger als sein chronologisches Alter (er ist vor zwei Monaten fünf Jahre alt geworden). Deshalb ist sein Benehmen eher typisch für zweijährige Kinder. Alles ist gut oder böse, schwarz oder weiss, Grautöne gibt's nicht. Deshalb liebt Aljoscha alle oder wird sofort aggressiv.

Auf dem intelektuellen Niveau ist er etwas älter, er lernt gerne, hat ganz viele Fragen zu der Welt, bis vor kurzem waren es vor allem "Was ist das" Fragen, seit ein paar Wochen kommt immer wieder auch die Frage "Warum".

Er hat aber Hemmungen, etwas neues zu probieren, wenn er glaubt, er schafft es nicht. Er wird sofort ganz unzufrieden und irritiert, wenn etwas nicht klappt, wie er es möchte und dann versucht er sogar nicht, es nochmal zu tun, sondern ruft nach Hilfe. Und wenn die Hilfe aus erzieherischen Gründen nicht sofort kommt, dann schmeißt er das, was er gerade in der Hand hat, gegen den Boden und beginnt zu heulen.

Nächste Woche gibt's eine Familienfest bei uns, da Aljoscha getauft wird. Da kommen die geliebten Großeltern von beiden Seiten und auch zwei Tanten und zwei Onkel. Ich bin schon ein bisschen nervös, wie es geht...

30 Oktober 2007

 

Einmal Botschaft und zurück


Oleg holt uns um 8:30 Uhr ab bzw. will dies tun steckt aber im Stau fest. So schickt er uns ein Taxi, dass uns zu deutschen Botschaft in der Chmelnytski Straße gegenüber der Oper fährt. Dort erwartet uns Julia, die früh am Morgen bereits die gestrigen Kopien von einem befreundeten Notar beglaubigen ließ. Handys dürfen nicht auf das Terrain der Botschaft mitgenommen werden. Deshalb hat ein Reisebüro nebenan einen Aufbewahrungsservice eingerichtet, von dem wir Gebrauch machen. Mit Oleks auf dem Arm dürfen wir uns vorn in der Schlange der Wartenden einreihen. Nach der Sicherheitskontrolle begeben wir uns zuerst zu endgültigen Beglaubigung unserer Dokumente ins Obergeschoss des Konsulats. Nach knappen 20 Minuten Wartezeit vor einem leeren Schalter erhalten unsere Papiere für schlappe 80 € einen weiteren Stempel. Das Ganze muss dann nochmals kopiert werden. Parallel dazu füllen wir den Visumantrag in doppelter Fassung aus (Achtung: 3 Passbilder mitnehmen, die schon auseinander geschnitten sein müssen, da es vor Ort keine Schere gibt. Auch Klebestift gilt es mitzunehmen, da das Botschaftspersonal keinen ausleiht). Als wir dann zur eigentlichen Visastelle kommen zieht die „freundliche“ Dame uns einen Rollo vor die Nase mit der Information, dass sie jetzt 15 Minuten Pause mache und nur dieser Schalter unser Anliegen bearbeite, ungeachtet dessen, dass wir mit einem Kind vor ihr stehen. Starkes Stück für eine deutsche Behörde. Da freut man sich doch, dass unsere Steuergelder so gut angelegt werden. Aber von der Vorstellung, dass wir von deutschen Stellen besondere Hilfe oder Unterstützung erwarten können, haben wir uns schon länger verabschiedet. Lediglich unser Lieblingsbeamter von der Ausländerbehörde in Hofheim zeigt, dass es auch anders sein kann.

29 Oktober 2007

 

Wieder in Kyjiw

Wir wachen alle gegen 7 Uhr auf, leidlich ausgeschlafen und gut gelaunt. Aljoscha mag mittlerweile das Zugfahren genauso gern wie Ola und ich. Wir genießen den ruhig dahingleitenden Morgen, das Frühstück mit Joghurt und Orangensaft und die Landschaft beim Sonnenaufgang. Kaum, dass wir uns versehen haben sind wir schon in Kyjiw. Unsere Sorge am richtigen Bahnhof auszusteigen hat sich nach einer Erkundigung beim Schaffner in Luft aufgelöst. Zwar gibt es sowohl den Haupt- (Головний Вокзал) als auch den Südbahnhof (Пивденний Вокзал), sie stellen aber nur zwei Bahnhofgebäude des gleichen Personenbahnhofs Kyjiw (Київ Пасс.) dar und sind durch einen Querbahnsteig miteinander verbunden.

Oleg holt uns direkt am Wagon ab und hilft beim Aussteigen, was angesichts von zwei schweren Koffern, zwei Rücksäcken mit Computern u.a., einer Tüte mit Nachttöpfchen, einer Lebensmitteltasche, und einem sich sträubenden Kind samt Kinderrucksack sehr vonstatten kommt. Die Fahrt zu unserem neuen Quartier in der O. Gontschar Straße 40 ist für Oleks zu viel des Neuen und er bricht in Tränen aus und lässt sich bis zur Ankunft nicht mehr beruhigen. Während Ola und Oleks die Wohnung beziehen, fahre ich mit Oleg weiter zum Außenministerium, wo Julia schon einen Platz in der Schlange eingenommen hat um unsere Dokumente (Oleks Geburtsurkunde, Adoptionsurkunde und Adoptionsurteil) überbeglaubigen zu lassen. Auf ihrer Basis wird das Visum erteilt und später die Adoption in Deutschland bei Gericht nachvollzogen. Schade nur, dass dann die hier vorgenommen Übersetzung nicht gilt, sondern die Papiere erneut von einem lokal beglaubigten Dolmetscher ins Deutsche übertragen werden müssen.

Wir kommen schnell an die Reihe und bekommen Bescheid, dass die Dokumente um 16 Uhr fertig sind. Wieder in der Wohnung zurück verabschiede ich mich von Oleg. Aljoscha ist kurz nach der Ankunft vor Erschöpfung und Überreizung eingeschlagen. Nach einer guten Stunde wacht er wieder gut gelaunt auf und wir machen uns auf den Weg zum Mittagessen. Wir wollen ausprobieren, ob Oleks McDonald zusagt und gehen deshalb in die Filiale in der Chmelnitzki-Straße. Und tatsächlich, nicht nur dass McNuggets seine Billigung finden, sondern auch die Atmosphäre entspricht im, so dass wir für die Zeit des Essens ein vorbildliches Kind haben. Leider setzt sich das auf dem Heimweg nicht fort. Da entspricht sein Verhalten eher dem eines jungen Hundes, der zum ersten Mal an der Leine läuft. Nach Einkäufen auf dem Weg kommen wir aber wieder heil, wenn auch etwas genervt in der Wohnung an.

Kurz darauf ist es für Peter Zeit sich wieder auf den Weg zum Außenministerium machen. Es ist knapp eine halbe Stunde zu Fuß entfernt und einfach zu erreichen. Dieser monumentale Bau war zu sowjetischen Zeiten, wie wir erfahren haben, der Sitz des ukrainischen Komsomol. Nicht schlecht für eine Jugendorganisation ;-) Wieder hat Julia schon zuvor einen Platz in der Schlange reserviert, so dass wir unter den ersten sind. Die Ausgabe der Papiere geht schnell, allerdings ist zu raten sie sofort zu kontrollieren. Bei uns hatte auf einem der Stempel die Unterschrift gefehlt. Allerdings ist dies dem ausgebenden Beamten selbst aufgefallen.

Danach gehen wir zum Copycenter im Hauptpostamt am Maidan. Dort können wir auch die PDF-Datei mit der Bestätigung unserer ETIX für den Rückflug ausdrucken. Außerdem gibt es nebenan einen Schalter für Philatelisten und obwohl ich nicht mehr intensiv sammle nehme ich gerne ein paar schöne Marken oder Blöcke als Andenken von meinen Reisen mit. Und die ukrainischen Marken sind sowohl künstlerisch ansprechend wie auch interessant. Mit den Kopien haben wir für heute alles erledigt, und ich gönne mir vor dem Rückweg zu Wohnung noch einen kurzen Abstecher in die „empik“ Buchhandlung im Untergeschoss des Globus Wahrenhauses. Dort besorge ich zwei Hefte mit Bildern für Oleks und eine Ausgabe der „Schneekönigin“ auf Ukrainisch mit herrlichen Illustrationen des ukrainischen Künstlers Wladyslaw Jerko (Владислав Єрко).


28 Oktober 2007

 

Do pobatschenia Swaljawa


Wir machen uns auf den Weg. Das heißt zuallererst Koffer packen. Mit den zusätzlichen Spielsachen von Oleks ist das gar nicht so einfach. Zu guter Letzt aber bringen wir alles in unseren beiden Koffern unter, na ja, bis auf 5 weiteren Taschen. Dabei lassen wir noch einige die Spielsachen zurück, die Oleks nicht mehr interessieren, oder die wir in Deutschland erneut besorgen können, wie zum Beispiel den Kreisel. Zur Mittagszeit begegnen wir unseren Amerikanern und können uns somit auch von ihnen verabschieden.

Zum Zug bringen uns Wasyl Wasyljewitsch und Frau Halina. Wir haben Glück, denn es ist ein ungewöhnlich warmer Abend. Wir möchten gar nicht daran denken, wie es auf dem schutzlosen Bahnsteig bei Regen und winterlichen Temperaturen gewesen wäre. Etwas gewöhnungsbedürftig – um das Geringste zu sagen – ist die Einfahrt des Zuges. Während wir in Gleishöhe auf dem knapp 2 Meter breiten Zwischenbahnsteig stehen braust an uns der Zug vorbei. Selbst uns jagt das Respekt ein, ganz zu schweigen von Aljoscha. Wir haben unser Abteil im letzten Wagen und Dank der Hilfe unserer Wirtsleute gelingt es uns all unsere Habe rechtzeitig unterzubringen. Aljoscha ist das Ruckeln und Rattern des Zuges unheimlich, und für knapp 2 Stunden jammert er vor sich hin und sagt, dass er den Zug nicht mag. Danach aber schläft er ohne größere Schwierigkeiten ein. Und auch wir lassen uns kurz danach in den Schlaf schaukeln.

27 Oktober 2007

 

Regen in der Flasche


Unser erster voller Tag mit Oleks. Wie erwartet wacht unser Kind gewohnheitsbedingt um 6:30 Uhr früh auf – sehr zu Olas Leidweisen, die eine ausgesprochene Langschläferin ist. Er freut sich sehr, als er Mama gleich neben sich findet und lässt sich sogar überreden noch eine halbe Stunde lang ruhig im Zimmer zu spielen. Danach aber erwischt es auch den Papa, da sein Sohn sich von dessen Anwesenheit überzeugen will. Wie die meisten Kinder so kennt Aljoscha leider die Bewegungsart „gehen“ nicht, sondern hat nur den Gang „rennen“, somit fürchten wir auch um den Schlaf unserer Wirtsleute.

Zum Frühstück, wie auch zum gestrigen Abendbrot, kocht ihm Ola „Kascha Manna“ (so etwas wie Grießbrei), was er mit großer Begeisterung isst. Dabei sitzt Oleks am liebsten auf Papas Knien, das ist ihm lieber als ein untergelegtes Kissen. Außerdem kann man dann das Kind davon abhalten, mit seinem breibeschmierten Löffel allzu sehr in der Gegend herumzufuhrwerken. Zuhause haben wir dann einen Triptrap Stuhl, den ihm seine Brüder vermacht haben.

Der Rest des Vormittags vergeht mit freiem Spiel, wobei Aljoscha zeigt, dass er einige der gestrigen Regeln bereits verinnerlicht hat. Insbesondere weiß er, dass Teetassen und Lampen heiß sind, und dass man Steckdosen nicht anfassen darf. Über Mittag haben wir uns mit unseren israelischen Bekannten im Zentrum verabredet. Peter geht schon etwas vorher los um über das Internet unsere Lufthansa-Tickets für den Mittwoch umzubuchen. Aber oh Schreck, weder für den Mittwoch, noch für den Donnerstag gibt es freie Plätze, weder auf dem Direktflug nach Frankfurt, noch über München. Also bleibt uns nichts anderes übrig als mit Ukrainian International Airlines neue Oneway-Tickts zu besorgen, die mit zusammen 760 USD immer noch günstiger sind als der Aufpreis zur höheren Buchunskategorie der Lufthansa. Außerdem muss man, wenn man sich einmal für eien Auslandsadoption entschieden hat lernen, dem Geld nicht nachzuweinen. Der UIA Flug startet schon kurz nach 8:20 Uhr morgens. So kommen wir wenigsten früh an und haben noch etwas von dem Tag und können gemeinsam erleben wie Aljoscha sein neues Heim erobert. Peter muss leider schon am nächsten Tag dienstlich verreisten. Momentan macht uns am meisten Sorgen, dass sich unser Sohn nicht nur vor Hunden, sondern auch vor Katzen fürchtet, wenn sie sich ihm mehr als 2 Meter nähern. Nun haben wir aber zwei Katzen, von denen eine sehr zutraulich ist. Wir können nur hoffen, dass Aljoscha sich bald überzeugt, dass Katzen nicht beißen und ganz im Gegenteil weich und lieb sind. Wir wissen nicht genau woher diese Angst kommt, aber auf dem Terrain des Kinderheims streunen Hunde (wie auch in der Stadt selbst) und vielleicht hat eines dieser Tiere einmal ein Kind angefallen. Auch Oleks Freundin Jolana hat sich vor diesen Hunden gefürchtet.

Mit Jossi und Zaina gehen wir ins Kaffeeparadies. Es herrscht so schönes Wetter, dass wir draußen sitzen können. Aljoscha bekommt einen gesüßten koffeinfreien Milchkaffee mit viel Schaum. Das schmeckt ihm und wir können uns in Ruhe fast eine Stunde lang unterhalten. Danach gehen wir essen, wobei wir nach der gestrigen Erfahrung für Oleks vorab ein Joghurt kaufen. Leider hat es aber nicht den richtigen Geschmack – er möchte Erdbeeraroma. Peter entdeckt aber, dass ihm die Kartoffeln und das Fleisch aus dem ukrainischen Borschtsch gut schmecken, den wir bestellt haben.

Auf dem Weg nach Hause machen wir noch ein paar Einkäufe für morgen, u.a. eine Halbliterflasche Mineralwasser, in das wir morgen Orangensaft umfüllen können. Diese Flasche ist eine weitere Attraktion für Oleks, denn unwissentlich haben wir Wasser mit Kohlensäure gekauft und die aufsteigenden Blasen sind für ihn eine Neuigkeit. Nach einiger Betrachtung stellt er fest „in der Flasche regnet es“; und tatsächlich könnte man die Bläschen als so etwas wie invertierten Regen verstehen: Luft in Wasser, statt Wasser in Luft und von unten nach oben, statt von oben nach unten.

Abends schauen wir uns vor dem Schlafengehen auf dem Computer noch einen Trickfilm „multyk“ (мультик) mit dem Hündchen „Reksio“ an, den wir aus Deutschland mitgebracht haben. Der Film ist polnischer Produktion, kommt aber ohne Worte aus, so dass er ideal für Aljoscha geeignet ist. Allerdings gelingt es ihm noch nicht die Story zu verstehen, sondern er amüsiert sich an einzelnen Szenen.

26 Oktober 2007

 

Pa, pa

Heute also ist es soweit und Aljoscha wird das Heim verlassen. Oleg wird unterdessen seine Jagd nach unserem Pass fortsetzen. Schon ab halb acht liegt er deshalb vor dem Passamt auf der Lauer. Wir haben uns entschieden Oleks Verabschiedung unprätentiös zu gestalten und für die Gruppe noch einmal Fruchtsaft und Joghurte gekauft. Ein Bild von ihm hatten wir ihnen schon vorher gegeben, das sie den auch gleich aufgehängt haben. Wir beginnen erst gar nicht zu spielen, sondern kleiden ihn im Schlafsaal von oben bis unten neu ein, da alle bisherige Kleidung dem Heim gehört. Danach verabschiedet sich Oleks von allen Kindern und Erzieherinnen mit einem Kuss und „pa. pa“ – ciao, ciao. Vor allem Frau Maria fällt die Trennung schwer, und es fließen sogar ein paar Tränen. Oleks aber freut sich darauf mit Mama und Papa in einem Auto zu fahren.

In der Stadt ergänzen wir Oleks Garderobe noch um weitere Unterwäsche und gehen dann das Wagnis ein, mit ihm etwas essen zu gehen. Hinsichtlich seines Verhaltens können wir uns nicht beklagen. Nach ein paar Ermahnungen bleibt er einigermaßen ruhig auf unserem Schoß sitzen. Nur leider schmecken ihm weder der Salat, noch die Pizza, noch die Piroggen, die wir bestellen. Lediglich der Orangensaft trifft seinen Gusto. Zuvorkommenderweise fragt die Serviererin von sich aus, ob der Saft für das Kind ist und sie ihn etwas anwärmen soll. Solch eine Umsicht würde ich mir auch in Deutschland wünschen.

Zu unserer Wohnung, wir vermeiden das Wort nach Hause, da dies für unser Heim in Deutschland reserviert bleiben soll, gehen wir zu Fuß. Dabei macht Ola zum ersten Mal Bekanntschaft mit der Schwierigkeit sich mit einem Kind im Verkehr zu bewegen, zumal, wenn das Kind zum ersten Mal in seinem vierjährigen Leben, das Heim verlassen darf und von jedem Fahrzeug schier hingerissen ist. Als wir den Hof betreten und der junge Hund unseres Hausherrn an uns hochspringt, bricht Oleks zum ersten Mal in Tränen aus, weil er sich fürchtet, obwohl ich ihn auf meinem Arm trage. Er beruhigt sich aber schnell danach, und beginnt unsere Zimmer unsicher zu machen. „Oleks, nein“ ist für die nächsten zwei Stunden das mit Abstand am häufigsten gesprochene Wort. Als endlich die Regeln klar sind beschließen wir noch einen Spaziergang zu machen. Draußen herrscht das herrlichste Spätsommerwetter mit Temperaturen bis knapp unter 20°C. Dort lauert aber die nächste Versuchung, Pfützen. Wie fast alle Kinder liebt es auch unser Sohn in ihnen herumzustiefeln, nur leider haben wir dazu zur Zeit nicht das passende Schuhwerk (Gummistiefel). Somit ergänzen wir die „Oleks, nein“ Liste um eine paar weitere Einträge. Ola ist in der Zwischenzeit schon ziemlich genervt und hofft, dass sich Oleks Verhalten mit der Zeit wieder einpendelt. Ich bin mir dessen auch sicher, denn zum einen ist es nicht so weit entfernt von dem was ich von meinen älteren Kindern kenne, zum anderen halte ich es der Ausnahmesituation zugute.

Gerade als wir zurückkommen ruft Oleg an, dass wir schnellstens zum Passamt kommen mögen. Herr Wasyl ist auch schon da um uns drei dorthin mitzunehmen. Man bittet uns gleich einzutreten und nach der Unterzeichnung eines weiteren Papiers erhalten wir das ersehnte Dokument. Oleg ist anzusehen, wie viele Nerven und Mühen ihm dies gekostet hat. Tatsächlich musste er heute noch einmal selbst nach Ushhorod fahren um sich vor Ort um die Sache zu kümmern und die Unterschriften den Gebietspolizeipräfekten und des Chefs des Sicherheitsdienstes für Transkarpatien aufzutreiben, die auch noch für den Pass notwendig waren. So aber kann er wenigsten noch heute den Nachtzug nach Kyjiw nehmen und das Wochenende mit seiner Familie verbringen. Der Pass der Tochter unserer israelischen Freunde ist fertig, nur beginnt bei ihnen gerade der Sabat, so dass sie einen weiteren Tag warten müssen.

Oleg informiert uns noch, dass Ilona zwischenzeitlich unsere Dokumente im Justizministerium hat überbeglaubigen lassen. Am Montag ist dann noch das Außenministerium dran bevor wir am Dienstag in der deutschen Botschaft das Visum beantragen können. In weiser Voraussicht bzw. unverbrüchlichem Optimismus hatten wir uns bereits vorgestern Tickets für den Nachtzug nach Kyjiw am Sonntag gekauft, und zwar ein ganzes Abteil für uns allein (was mit 444 UAH immer noch sehr günstig ist).

Der Abend birgt für Oleks noch einen besonderen Höhepunkt, das Baden. Er ist vor Freude so aus dem Häuschen, dass wir glauben es mit einem Oktopus zu tun haben, überall sind Hände und Beine. Ansonsten ist das Waschen, auch das Haarewaschen, kein Problem. Lediglich vor dem Fön hat Aljoscha eine Heidenangst, aber was sollen wir tun? Mit feuchten Haaren können wir ihn nicht schlafen legen, sonst hat er gleich eine Erkältung weg. Hoffentlich gewöhnt er sich mit der Zeit daran und versteht, dass der Fön ihm nichts tut. Wir fragen uns, wie die Erzieherinnen den Kindern die Haare getrocknet haben. Von Schlafen legen kann im Übrigen so einfach keine Rede sein. Unser erster Anlauf ist erfolglos und erst gegen halb zehn hat sich Oleks in den Schlaf gewiegt. Er steckt dabei die beiden Daumen in den Mund und wiegt sich hin und her. Ola hat gelesen, dass dieses „rocking“, wie es im angelsächsischen heißt, typisch ist für Heimkinder, die sich damit ein Gefühl der Sicherheit geben, und dass man es nicht unterdrücken soll. Sowie sie in ihrer Familie heimisch werden, wird dies peu à peu verschwinden. Jetzt ist uns auch klar, warum Oleks am Hinterkopf leicht verfilzte Haare hat. Die hat es sich einfach am Kissen abgerieben.

In der Nacht schläft Oleks tief, ohne auch nur einmal aufzuwachen. Ola legt sich zu ihm, da wir fürchten, dass er ansonsten wandern und die Treppe herunterfallen könnte. Ansonsten ist es nicht nötig. Für alle Fälle haben wir ihm auch ein Windelhöschen (Typ Pampers Trainers) angezogen und eine wasserundurchlässige Decke untergelegt. Beides ist aber am nächsten Morgen trocken. Oleks ist halt schon ein großer Junge.


25 Oktober 2007

 

Die Schlacht um den Pass, Tag 2



Der Vorsteher des Passamtes ist nach Ushhorod gefahren und wollte uns bis 14 Uhr benachrichtigen, wann der Pass fertig wird. Bis 18 Uhr allerdings gibt es keine Nachricht von ihm und sein Telefon bleibt stumm. Trotzdem bleiben wir optimistisch und rechnen damit Mitte nächster Woche nach Deutschland zurückfliegen zu können. Die letzte Information des Tages lautet: Der Pass ist zu 100% morgen fertig. Um 14 Uhr wird der Amtsvorsteher uns benachrichtigen, wann wir ihn abholen können. Wir glauben es erst, wenn wir ihn in Händen halten.


Auch heute darf Jolana wieder mit uns spazieren gehen. Sie und Oleks freuen sich wie am Tag zuvor. Allerdings wirkt Jolana reifer und tatsächlich maßregelt sich Oleks wie „Komm vom Rasen, man darf nicht auf den Rasen gehen“. Es macht Spaß mit den beiden wir müssen aber aufpassen ihr nicht zu viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, um keine falschen Hoffnungen zu wecken. Zum Abschied küssen sich die beiden noch einmal nicht wissend, dass es vermutlich ein Abschied für immer sein wird.

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